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Schafft es die Biodiversität aus der Krise?

Im Schatten der mächtigen Klimakrise bekommt sie kaum Aufmerksamkeit: die Dauerkrise der Artenvielfalt auf unsere Erde. Vielleicht auch, weil wir uns schon daran gewöhnt haben, dass ständig seltene Arten aussterben, die Biodiversität also leidet. Gehört das vielleicht sogar zur Natur dazu?

Am 11. Oktober beginnt im chinesischen Kunming die 15. Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen. Ein wichtiger Termin, denn nachdem die Konferenz wegen Corona mehrfach verschoben wurde, will sich die Weltgemeinschaft nun auf Ziele für die 2020er Jahre einigen, um den rasant voranschreitenden Verlust der Artenvielfalt zu stoppen.

Damit dies noch rechtzeitig gelingt, sind umfassende politische Maßnahmen und deren Umsetzung nötig. Ein Rahmenabkommen soll erreichen, dass die 196 Vertragsstaaten ihre nationalen und regionalen Aktionspläne entwickeln und ihre Strategien auf den neuesten Stand bringen. Die Entwicklung solle ständig beobachtet und der Fortschritt auf globaler Ebene überprüft werden.

Anstieg bei ausgestorbenen Arten soll gestoppt und möglichst umgekehrt werden

Zu den 21 Zielen der geplanten globalen Strategie bis 2030 gehören eine Verringerung des Einsatzes von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln und eine Verringerung von Plastikmüll. Die Menge der Nährstoffe, die in die Umwelt verloren gingen, soll um mindestens die Hälfte reduziert werden, die Menge der Pestizide um zwei Drittel. Die Umweltverschmutzung müsse auf ein Niveau vermindert werden, dass der Biodiversität, der Funktion der Ökosysteme und der menschlichen Gesundheit nicht abträglich sei.

Der Anstieg bei den ausgestorbenen Arten soll gestoppt und möglichst umgekehrt werden, sehen Ziele in einem Entwurf des Abkommens vor. Das Risiko des Aussterbens soll bis 2030 um mindestens zehn Prozent herabgesetzt werden, während die Zahl der bedrohten Arten abnehmen soll. Und bis 2050 will man die Geschwindigkeit des Artentodes sehr deutlich reduzieren. Das Risiko des Aussterbens müsse bis dahin halbiert werden.

Auch wie das Risiko von Pandemien über Naturschutz und den Erhalt der biologischen Vielfalt verringert werden kann, ist ein Thema der Konferenz in China. Hintergrund ist das Übereinkommen über die biologische Vielfalt – die Convention on Biological Diversity, kurz CBD. Sie wurde 1992 in Rio de Janeiro beschlossen. Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich dazu, die Biodiversität zu schützen und zu erhalten sowie die Natur nachhaltig und gerecht zu nutzen.

Die Zeit für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten läuft ab

Alle genaueren Ziele, die bisher vereinbart wurden, hat die Weltgemeinschaft allerdings deutlich verfehlt, bilanziert die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung: „Nun läuft die Zeit für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten ab.“ Deshalb habe die Fachöffentlichkeit große Erwartungen an die 15. Konferenz und die Vereinbarungen, die dort getroffen werden.

Warum nur die Fachwelt? „Das Bewusstsein über die Dramatik des Artensterbens ist in der Allgemeinbevölkerung noch gering ausgeprägt“, ist man sich bei der Senckenberg Gesellschaft sicher. Kein Wunder, denn eine große Mehrheit der Bundesbürger sieht Artenschutz als Hauptaufgabe von Zoos in Deutschland an. Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Jahr 2020 im Auftrag des Verbandes der Zoologischen Gärten hervor. Den Erhalt der biologischen Vielfalt durch Pflege und Zucht von Tierarten, die in freier Wildbahn gefährdet sind, werteten 65 Prozent der Befragten demnach als „sehr wichtig“.

Eine Umfrage des Magazins GEO im Jahr 2020 macht schon mehr Hoffnung. Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich demnach, dass der Artenschutz im Grundgesetz verankert wird. 64 Prozent der Befragten wären bereit, für artenschonend angebaute Lebensmittel mehr Geld auszugeben. 91 Prozent der Befragten geben an, dass der Aufenthalt in der Natur sie glücklich mache. Beim Naturwissen allerdings hapert es. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, weniger als fünf heimische Baumarten zu kennen. Und 71 Prozent erkennen einen Kranich nicht als solchen, 64 Prozent verwechseln ihn gar mit einem Graureiher.

85 Prozent würden Einschränkungen zum Stopp des Artensterbens hinnehmen

Laut einer Studie aus dem Bundesamt für Naturschutz im Jahr 2020 zum „Jugend-Naturbewusstsein“ hat für einen Großteil der Jugendlichen Natur eine starke persönliche Bedeutung. Sie gehört demnach für sehr viele junge Menschen zu einem guten Leben dazu. Die jungen Menschen sind zudem mehrheitlich der Meinung, dass es die Pflicht der Menschen ist, die Natur zu schützen.

Außerdem wollen Jugendliche über Tiere und Pflanzen gerne mehr wissen, allen voran über die Säugetiere, über Bäume und Vögel. Sie finden Schutzgebiete wichtig, um die Artenvielfalt zu sichern und dem Klimawandel entgegenzuwirken. Was die biologische Vielfalt betrifft, sind fast drei Viertel der Befragten überzeugt, dass diese weltweit schwindet und es zugleich Pflicht der Politik ist, dieser Entwicklung entgegenzutreten.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland hat vor dem Bundestagswahljahr 2021 eine Umfrage gestartet. Danach sind sechs Prozent der Deutschen zu deutlichen Einschränkungen ihres Lebensstils bereit, um das Klima zu schützen. Rund 85 Prozent würden dies tun, um das Artensterben zu stoppen, und 87 Prozent für den Kampf gegen die Umweltverschmutzung.

Die Ergebnisse weisen auf erstaunlich viel Interesse am Artenschutz hin. Das will man auch mit der „Roten Liste“ erreichen. Erstmals im Jahr 1962 hat die Weltnaturschutzunion – die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources, kurz IUCN – eine Liste dieser Art herausgegeben. Auf ihr standen weltweit vom Aussterben gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Seit 1971 gibt es sie auch in Deutschland. Aktuell steht auf der Liste zum Beispiel der Feldhamster als „Vom Aussterben bedroht“. Der Wolf wird als „Gefährdet“ eingestuft.

Für den Schutz der Artenvielfalt in Deutschland stellen Rote Listen eine entscheidende Grundlage dar. Sie dokumentieren den Zustand von Arten und mittelbar die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur. Damit sind sie Frühwarnsysteme für die Entwicklung der biologischen Vielfalt und zeigen auf, wo Handlungsbedarf besteht.

In den Roten Listen wird der Gefährdungsstatus von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten für Deutschland dargestellt. Von unseren etwa 72000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten werden in den Roten Listen mehr als 30000 auf ihre Gefährdung hin untersucht. Die Roten Listen sind zugleich Inventarlisten für einzelne Artengruppen und bieten Informationen nicht nur zu den gefährdeten, sondern zu allen in Deutschland vorkommenden Arten der untersuchten Organismengruppen.

Erst kürzlich teilte das Bundesamt für Naturschutz mit, dass bei den Amphibien und Reptilien der Anteil bestandsgefährdeter Arten höher ist als in jeder anderen Artengruppe in Deutschland. In den letzten zwanzig Jahren habe sich die Situation für die meisten dieser Arten weiter verschlechtert. Jede zweite der zwanzig untersuchten Amphibienarten sei in ihrem Bestand gefährdet, bei den Reptilien liege der Anteil mit neun von 13 noch höher.

Dass Tiere und Pflanzen aussterben, ist aber irgendwie auch normal. So wird Josef Reichholf, Honorarprofessor an der Technischen Universität München, damit zitiert, dass in der Geschichte der Lebewesen das Aussterben den Normalfall darstelle. Der umstrittene Naturschutz-Experte bezieht sich auf geologische Zeugnisse dafür, dass es seit Entstehung des Lebens fünfmal zu einem massenhaften Artensterben kam. Etwa nach dem Einschlag eines Meteoriten vor Millionen Jahren, der zum Aussterben der Dinosaurier beitrug.

Zusagen auf UN-Ebene viel zu selten in nationales Recht übernommen

Vor dem sechsten Artensterben warnen seit Jahren viele Experten, gerade jetzt, wo es auf die Konferenz in China zugeht. Mehr als dreißig Arten sollen weltweit pro Tag aussterben. 2002 beschlossen die Staatsoberhäupter deshalb schon die so genannten 2010-Biodiversitätsziele. Acht Jahre später musste man aber feststellen, dass es kaum Fortschritte gab und legte zwanzig neue, noch ehrgeizigere Ziele für die nächsten zehn Jahre fest.

Vergangenes Jahr wurde klar: „Auch diese Latte hatte man gerissen, der Verlust der biologischen Vielfalt schreitet ungebremst fort“, teilt das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) mit. Um vorzubeugen, dass nicht wieder dieselben Fehler gemacht werden wie in den Jahren zuvor, haben chinesische Forscher um Professor Haigen Xu vom Nanjing Institut für Umweltforschung zusammen mit Professor Henrique Pereira vom iDiv die Gründe für das bisherige Scheitern der Staatengemeinschaft analysiert.

Ergebnis: Die Zusagen auf UN-Ebene seien viel zu selten in nationales Recht übernommen worden. Vier der zwanzig sogenannten Aichi-Ziele finden sich in keinem einzigen der von den Regierungen vorgelegten Umsetzungspläne wieder, darunter die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen. Die anderen Ziele sein nur in 22 Prozent der Pläne stark genug formuliert worden, so dass sie die Anforderungen der CBD-Beschlüssen erfüllten.

Darüber hinaus seien die nötigen Finanzmittel viel zu gering, es gebe zudem zu große Wissenslücken zur Erfassung und wirksamen Bekämpfung von Biodiversitätsverlust. Außerdem würde die Umsetzung der versprochenen Ziele in den Mitgliedsstaaten nur unzureichend überprüft, da es zum Teil an wirksamen Indikatoren und Auswertungsmechanismen fehle. „Die Regierungen müssen keinen klaren Fahrplan vorlegen, wie sie die im Rahmen der CBD beschlossenen Ziele im eigenen Land erreichen und überprüfen wollen“, fordert Henrique Pereira.

Vielleicht ist auch ein Umdenken gefragt. Jeder von uns hat schon mal ein Naturschutzgebiet wahr genommen. Schutzgebiete, deren primäres Ziel die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist. Oft sind es Gebiete, in die man deshalb nicht hinein darf. „Dies kann jedoch Menschen entfremden, die Gebiete bewirtschaften, in denen die Biodiversität für verschiedene Zwecke, wie etwa nachhaltige Ressourcennutzung oder kulturelle Praktiken, erhalten bleibt“, warnt Georgina Gurney vom Australian Research Council Centre of Excellence for Coral Reef Studies.

Neue Allianzen unter Menschen zum Schutz der Biodiversität

Schutzgebiete sind aber immer noch das am häufigsten eingesetzte Instrument zum Erhalt der Biodiversität. „Sie reichen allein aber nicht aus, um den Artenverlust aufzuhalten“, sagt Estradivari Estradivari vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung. Zusammen mit vielen anderen setzen sich die beiden Wissenschaftlerinnen nun dafür ein, so genannte „andere wirksame flächenbezogene Naturschutzmaßnahmen“ einzuführen. Sie sollten neben der Einrichtung von Naturschutzgebieten ein wertvolles politisches Instrument im neuen globalen Biodiversitätsabkommen sein, fordern sie.

Die auch als OECMs bezeichneten Gebiete könnten von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften verwaltet werden, aber auch historische Schiffswrackreservate sein, heilige Haine oder Ackerland, das mit geringer Intensität auf traditionelle Weise bewirtschaftet wird. Als OECMs ausgewiesene Gebiete erkennen eine Nutzung an, die die Biodiversität erhält, auch wenn der Schutz kein vorrangiges Ziel ist. Derzeit fallen jedoch noch weniger als ein Prozent der Land- und Süßwasserumgebungen der Welt und weniger als 0,1 Prozent der Meeresgebiete unter die Bezeichnung OECM.

Dabei sind sich die Wissenschaftlerinnen sicher, dass OECMs neue Allianzen unter Menschen schmieden können, die sich demselben Interesse verschrieben haben – dem Schutz der Biodiversität. Das können indigene Völker sein, lokale Gemeinschaften oder private Initiativen. „Diese Bündnisse werden entscheidend sein, um Biodiversität aufrecht zu erhalten und um jenes anvisierte globale Ziel zu erreichen, bis 2030 mindestens 30 Prozent des Planeten zu bewahren“, meint Ravaka Ranaivoson, Marine Director der Wildlife Conservation Society Madagascar.

Foto: Schäferle auf Pixabay

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