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Insektensterben: Tiere in Naturschutzgebieten sind stark mit Pestiziden belastet

Vier Jahre ist es her, dass der Entomologische Verein Krefeld erstmals auf das dramatische Insektensterben hinwies. Jetzt gibt es deutliche Hinwiese, dass Insekten in Naturschutzgebieten stark mit Pestiziden belastet sind. Das zeigt eine aktuelle Studie unter Beteiligung der Universität Koblenz-Landau.

Im Schnitt sind die Tiere demnach mit 16 unterschiedlichen Pestiziden belastet. Keines der in Deutschland untersuchten Schutzgebiete war unbelastet, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Pestizide wurden bisher im Schutzgebietsmanagement nicht beachtet, Risikoanalysen fehlen und konventionell bewirtschaftete Ackerflächen liegen mitten in Schutzgebieten und umranden diese. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind nachweislich mehr als 75 Prozent der Biomasse an Insekten in deutschen Naturschutzgebieten verschwunden.

Die vom Weltbiodiversitätsrat beschriebene Biodiversitätskrise findet in Deutschland also offenbar auch mitten in Schutzgebieten statt. Das Fatale, so die Universität Koblenz-Landau: „Ohne Insekten brechen Ökosysteme zusammen, können zum Beispiel Pflanzen nicht mehr ausreichend bestäubt werden.“ Experten vermuten Pestizide als einen der Hauptverursacher für den dramatischen Rückgang. „Unsere Daten zeigen deutlich, dass Insekten in Naturschutzgebieten mit einem Cocktail aus Pestiziden belastet sind“, sagt Carsten Brühl vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau.

Im Projekt „Diversity of Insects in Nature protected Areas“ (DINA), in dem unter der Leitung des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) neun Partner über zwei Jahre die Insektenvielfalt in Naturschutzgebieten in Deutschland erfasst und dokumentiert haben, haben er und sein Team die Pestizidbelastung von Insektenmischproben unter die Lupe genommen. Dabei haben sie mit einer neu entwickelten Methode erstmals geschaut, wie stark die Insekten selbst belastet sind.

Bisherige Studien haben ausschließlich Daten über die Belastung von Luft und Boden erhoben. Im DINA-Projekt wurde nach einem standardisierten Protokoll mit Serien sogenannter Malaisefallen in 21 Schutzgebieten gearbeitet, in denen die erfassten Insekten in Alkohol konserviert werden. Gleichzeitig wirkt Alkohol als Lösungsmittel für Pestizide. Dadurch konnte das Landauer Forschungsteam direkt untersuchen, welche Pestizide an diesen Untersuchungspunkten an den Insekten hafteten.

„Mit unserer Methode können 92 aktuell in Deutschland zugelassene Pestizide gleichzeitig in geringen Mengen analysiert werden“, erklärt Nikita Bakanov aus der Landauer Forschungsgruppe. Ausgewertet haben die Forscher Daten aus den Schutzgebieten von Mai und August 2020.

Insektengemeinschaften mit bis zu 27 Pestiziden belastet

Auf den Insekten haben die Wissenschaftler über die Gebiete verteilt 47 der 92 Pestizide gefunden. Im Schnitt konnten sie 16 verschiedene Pestizide auf Insekten der einzelnen Naturschutzgebiete nachweisen. In einem Schutzgebiet bestand die Belastung auf den Tieren sogar aus 27 verschiedenen Stoffen. Die minimale Belastung lag bei sieben Pestiziden.

„Wenn man bedenkt, dass die Risikobewertung im Rahmen der Zulassungsverfahren von Pestiziden davon ausgeht, dass Insekten mit nur einem Pestizid in Kontakt kommen, liegt auf der Hand, wie realitätsfern diese Bewertungspraxis ist“, betont Brühl. Überrascht haben ihn, der seit 20 Jahren zu den Auswirkungen von Pestiziden auf die terrestrische Umwelt forscht, die Ergebnisse nicht: „Es ist gut, dass wir unsere Annahmen dank der neuen Methodik jetzt auch zeigen und belegen können“. Der Ansatz baut auf einem Vorprojekt auf, in dem die Landauer Forscher überlegt haben, über welche unterschiedlichen Wege Insekten potenziell mit Pestiziden in Kontakt kommen können.

Schutzzonen von zwei Kilometern nötig

Die Ergebnisse haben die Forscher mit einer Raumanalyse der Projektpartner kombiniert. „Wir wollten herausfinden, wo die Insekten die Pestizide aufnehmen“, erklärt Lisa Eichler vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Ergebnis: Die Insekten haben die Pestizide auf der Anbaufläche in einem Umkreis von zwei Kilometern aufgenommen. Erklärung dafür: Naturschutzgebiete in Deutschland sind in der Regel klein. Im Durchschnitt haben sie eine Größe von unter 300 Hektar, 60 Prozent sind sogar kleiner als 50 Hektar. Sehr viele Insekten haben aber einen großen Flugradius.

„Politik, Wissenschaft und Landschaftsplanung müssen daher Pufferzonen einplanen und dabei in anderen Skalen denken, zehn bis zwanzig Meter reichen da nicht aus“, erklärt Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld. Pufferzonen um Naturschutzgebiete und auch Schutzgebiete aus dem europäischen Natura2000-Programm, in denen keine synthetischen Pestizide eingesetzt werden dürfen und die ökologisch bewirtschaftet werden, müssten etabliert werden. Die Landschaftsplanung sollte in diesen Puffergürteln von zwei Kilometern Breite um die Naturschutzgebiete ein Risikomanagement verwirklichen und dort prioritär Ökolandbau fördern, so die Empfehlung der Forschenden.

Das Forschungsteam argumentiert mit Berechnungen: Würde man einen solchen Schutzraum für alle Naturschutzgebiete deutschlandweit umsetzen, beträfe das 30 Prozent der Agrarfläche. „Diese Zahl mag auf den ersten Blick groß erscheinen“, so Brühl, aber entspräche der Forderung der EU nach 25 Prozent und der neuen Ampelkoalition nach 30 Prozent an Bio-Landwirtschaft bis 2030: „Mit unserer Untersuchung liefern wir Empfehlungen zur Umsetzung dieses Transformationszieles, für das die Politik noch neun Jahre Zeit hat.“

Gezielte Forschung und Ökolandbau in und um Schutzgebiete gegen Insektensterben

Die neue Ampelkoalition fordert den erhöhten Anteil der ökologisch bewirtschafteten Agrarfläche, die EU will ebenfalls bis 2030 synthetische Pestizide um die Hälfte reduzieren. „Das politische Ziel ist da, getragen wird es auch durch die Nachfrage der Verbraucher nach Bio-Lebensmitteln, wichtig ist nun die gezielte Umsetzung“, sagt Brühl: „Auch die Zukunftskommission Landwirtschaft kam in diesem August zu dem Schluss, dass sich etwas ändern muss.“ Allerdings habe deren formulierte Zukunftsvision keine Anteile von ökologischem Anbau festgelegt und auch die Reduktion des Pestizideinsatzes ausgelassen.

Nötig sei nun, so Brühl, die Landwirte in der Transformation beratend zu unterstützen und den ökologischen Anbau dort anzusiedeln, wo er am dringendsten gebraucht wird – als Pufferzonen um Schutzgebiete. „Streng geschützte“ Lebensräume nach EU-Recht würden dann auch in der Realität vor Pestizideinflüssen geschützt. Ökolandbau sollte somit als Instrument für den wirksamen Schutz und die Erhaltung der Artenvielfalt in den Gebieten eingesetzt werden, die zu diesem Zweck ausgewiesen sind.

„Die Entwicklungsarbeit hin zu einem gezielt eingesetzten Ökolandbau 2.0 muss mit massiver Forschung unterstützt werden“, verdeutlicht Brühl. Parallel dazu müsste kontinuierlich beobachtet und überwacht werden, wie sich die Insektengemeinschaften und der Einsatz von Pestiziden entwickeln, fordern die Forschenden weiter. Die im DINA-Projekt etablierten Monitoring-Methoden seien dafür besonders geeignet.

Für die Studie haben neun Partner unter der Leitung des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) im Projekt DINA die Insektenvielfalt in Naturschutzgebieten über zwei Jahre erfasst und dokumentiert. Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Neben der Universität Koblenz-Landau ist auch der Entomologische Verein Krefeld Partner im DINA-Projekt, der 2017 erstmals in einer Publikation den Rückgang der Insekten-Biomasse, sprich der gesamten Masse an lebenden Insekten, dokumentiert hatte.

In 21 repräsentativen Naturschutzgebieten, die verschiedene Habitate über ganz Deutschland verteilt abdecken, haben die DINA-Partner Insektenpopulationen erfasst und die Umwelteinflüsse auf die Tiere erforscht. Die Untersuchungsstandorte im DINA-Projekt sind zudem „streng geschützte Lebensräume“ im Natura2000-Programm der Europäischen Union. Alle untersuchten Schutzgebiete liegen in der Agrarlandschaft und sind von konventionell genutzten Flächen umgeben.

Foto: rostichep auf Pixabay

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