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Nimmt das Waldsterben kein Ende?

Unser Wald durchlebt eine Dauerkrise. In den 80er Jahren sollten Kalkflüge das Waldsterben durch sauren Regen stoppen. Später musste er wütenden Orkanen widerstehen. Und jetzt auch noch der Klimawandel. Gibt es einen Weg aus der Krise?

Im sachsen-anhaltinischen Städtchen Wernigerode, das im waldreichen Harz liegt, gab es neulich im sonst so beschaulichen Ambiente des Waldgasthauses Armeleuteberg einen Pressetermin mit Krisenstimmung. Die örtlichen Medien berichteten danach, dass der Stadtwald mitten in der schwersten Krise seiner 500-jährigen Geschichte stecke. Oberbürgermeister Peter Gaffert und Stadtförster Michael Selmikat seien sich hierin einig.

Von der rund zwanzig Quadratkilometer großen Waldfläche ist der Baumbestand in Wernigerode auf etwa neun Quadratkilometern abgestorben. Große Mengen Schadholz fielen dem Befall des Borkenkäfers und den Wetterextremen zum Opfer. „Der Fichtenbestand im Stadtwald ist massiv eingebrochen, wir müssen nun die Wiederaufforstung von 600 Hektar Fläche angehen und Maßnahmen einleiten“, berichtet Gaffert.

Als Ziel gibt er aus, den Stadtwald stabil und zukunftsfähig wiederaufzubauen. „Mit der Wiederbewaldung kahl geschlagener Flächen kann die nachhaltige Nutzung des nachwachsenden Rohstoffs Holz als Kohlenstoffspeicher Nummer 1 angegangen werden“, gibt der Oberbürgermeister zudem den Klimaschützer. Recht hat er, wenn er sagt, dass der Wald wichtiger Bestandteil für die Aufrechterhaltung unseres Ökosystems sei. Und: „Die Wälder rund um Wernigerode bieten neben wichtigen Rohstoffen den Raum für Freizeitaktivitäten, Tourismus, Erholung und vieles mehr“, so Gaffert.

Forschung zum Waldsterben erkannte Stresskomplex

Aber ist Wernigerode nicht überall? Der Kronenzustand der deutschen Bäume hat sich nach Erkenntnissen aus 2020 gegenüber dem Vorjahr weiter verschlechtert. So lautet ein Ergebnis der Waldzustandserhebung. Die Kronenverlichtung ist ein Maß für die Vitalität der Bäume. Sie beschreibt, wie dicht, groß und verfärbt die Blätter und Nadeln in der Baumkrone sind. Die bundesweite Waldzustandserhebung wird seit 1984 jährlich von den Ländern auf einem systematischen Netz von Stichproben durchgeführt.

Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten 2018 bis 2020 hat laut Bundeslandwirtschaftsministerium verbreitet dazu geführt, dass die Blätter vorzeitig abgefallen sind. Bei der Fichte begünstigte sie, dass sich Borkenkäfer weiter massenhaft vermehren. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Absterberate nochmals gestiegen, so das Ministerium. Vor allem alte Wälder mit Bäumen über sechzig Jahre seien betroffen.

Die meisten dieser Pflanzen im Rentenalter waren gerade mal zwanzig Jahre alt, als das Baumsterben zum ersten Mal Thema war. 1980 stellte man erstmals Schädigungen des Waldes fest, die großflächig in Mittel-, Nord- und Osteuropa auftraten. „Gab es schon früher Waldsterben?“, fragte sich Peter Schütt 1984 in seinem Buch „Der Wald stirbt an Stress“. Der damalige Professor für Forstbotanik und pflanzliche Pathologie an der Universität München stufte die kranken Bäume als neuartiges Phänomen ein.

Schütt und andere setzten sich fortan für eine bessere Luftreinhaltung ein. Denn die bald einsetzende Forschung zum Waldsterben erkannte einen Stresskomplex mit regionalen Unterschieden, aber entscheidender Mitwirkung von weit verbreiteten Luftschadstoffen, vor allem Schwefeldioxid. Der Begriff vom sauren Regen machte die Runde. Kalkberieselung aus der Luft mit Helikoptern sollte dem Sterbenden helfen.

Eine wirkliche Wende brachte aber erst die deutsche Wende. Nach dem Ende der DDR gingen viele Braunkohlekraftwerke vom Netz. Sie hatten mit ungefilterten Abgasen der schwefelhaltigen Braunkohle maßgeblich zum sauren Regen beigetragen. 2003 erklärte die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast das Waldsterben sogar für beendet. Stattdessen musste man sich Sorgen machen um den Borkenkäferbefall der Bäume, die von heftigen Orkanen großflächig entwurzelt worden waren.

Heute stehen Klima- und Trockenstress im Fokus der Debatte um die Zukunft unserer Wälder. Das letzte Jahrzehnt mit Hitzewellen im Sommer und trockenwarmen Wintern hat vielen seiner Baumarten nicht gut getan. Einzig die Eiche steht noch mit recht guten Werten dar. Sie kann mit trockenen Standorten halt besser umgehen.

Wegen Trockenheit der Wälder fällt deutlich mehr Schadholz

Wegen der Trockenheit der vergangenen Jahre ist in den Wäldern hierzulande deutlich mehr Schadholz angefallen. Mit 60,1 Millionen Kubikmetern war die Menge im vergangenen Jahr fast fünf Mal so groß wie im Jahr 2015, wie das Statistische Bundesamt im August mitteilte. Damals waren es 12,9 Millionen Kubikmeter.

Der Grund für den Anstieg ist vor allem Insektenbefall, der durch anhaltende Trockenheit begünstigt wird. Schädlinge wie der Borkenkäfer breiteten sich in geschwächten Bäumen besonders schnell aus, so das Bundesamt, was gravierende Folgen für den Waldbestand habe. 72 Prozent oder knapp 43,3 Millionen Kubikmeter Schadholz aus dem vergangenen Jahr seien auf Insektenschäden zurückzuführen. Das ist fast 13 Mal so viel wie noch vor fünf Jahren.

Und noch ein paar Fakten: Ein Drittel der Landesfläche Deutschlands ist mit Wald bedeckt, 11,4 Millionen Hektar sind das. Die häufigsten Baumarten in Deutschland sind die Nadelbäume Fichte mit gut einem Viertel und die Kiefer mit 23 Prozent, gefolgt von den Laubbäumen Buche mit 16 Prozent und der Eiche mit elf Prozent.

Seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984 sind die Anteile der Schadstufen 2 bis 4 und die mittlere Kronenverlichtung stark angestiegen, wie die Waldzustandserhebung zeigt. Bei der Fichte und Buche ist seit 2020 eine deutliche Zunahme der Kronenverlichtung festzustellen. „Insgesamt gehören die Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020 zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen“, schlägt das Landwirtschaftsministerium Alarm. Der Anteil von Bäumen ohne Kronenverlichtung war demnach mit 21 Prozent noch nie so gering.

Für Forstämter, die darauf angewiesen sind, mit Holzverkauf Geld zu verdienen, ist großflächiges Baumsterben eine absolute Katastrophe. „Mittelfristig ist mit deutlich geringeren Einnahmen aus dem Holzverkauf zu rechnen, da die Fichtenbestände nicht mehr existieren und nur noch die Laubwaldgebiete nachhaltig Rohholz liefern können“, sagt auch Oberbürgermeister Peter Gaffert in Wernigerode.

Was nun? Gibt es einen Weg aus der Dauerkrise? Bäume wachsen langsam. Manche von uns werden nicht erleben, was aus heute gepflanzten Buchen und Eichen wird. Umweltpolitik im Sinne der Gesundheit von Wäldern zu gestalten ist wie Spökenkieken. Wenn man die Gabe des zweiten Gesichts hat, könnte man eine Vorhersage über die Zahl der toten Bäume machen.

Aber ist der Wald jemals tot? Gibt es nicht immer auch einen neuen Wald? Das Baumsterben birgt doch auch eine Chance, um naturnähere Wälder aufzubauen, von den Monokulturen wegzukommen. Kann uns die Wissenschaft dabei helfen? „Wir erleben gerade die dramatischen Auswirkungen von Witterungsextremen. Stürme, lang anhaltende Dürreperioden, Hitze, unterbrochen von lokalen Starkniederschlägen, die Schäden an der Infrastruktur verursachen, aber den Wassermangel im Waldboden nicht auszugleichen vermögen“, sagt Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosysteme.

Die Expertin stellt fest, dass heute vor allem Fichtenbestände in den Lagen unter 500 Metern betroffen sind: „In der Folge kommt es bei der Fichte zu starken Borkenkäfer-Kalamitäten.“ In den letzten zwei Jahren sei aber auch die Buche vermehrt durch Trockenheit geschädigt worden. Und zurzeit werde das Absterben ganzer Buchenbestände beobachtet. Auch in Eichenbeständen treten vermehrt Insektenschäden auf.

Die Waldböden spielen eine Schlüsselrolle für die Anpassung unserer Wälder an den Klimawandel. Denn für das Gedeihen von Waldbäumen sind neben Klimafaktoren wie Temperatur und Niederschlag der Nährstoff- und Wasserhaushalt der Böden entscheidend. „Die menschlich bedingte Bodenversauerung hat abgenommen, und es ist im Mittel eine leichte Erholung zu verzeichnen“, hat Wellbrock beobachtet. Das sei die Folge der Luftreinhaltung durch Rauchgas-Entschwefelung und Katalysatoren in Autos. Deshalb gelangt heute weniger versauernd wirkender Schwefel in die Atmosphäre und von dort in die Waldökosysteme.

Auch die Kalkungsmaßnahmen der letzten Jahrzehnte unterstützen die Erholung der Böden. Weiterhin auf hohem Niveau sind aber die Stickstoffeinträge, die sowohl versauernd als auch eutrophierend wirken, berichtet Waldexpertin Wellbrock. Die Stickstoffbilanzen an den Punkten der bundesweiten Bodenzustandserhebung im Wald zeigten, dass die kritischen Belastungsgrenzen überschritten werden.

Hinzu kommt, dass auf flachgründigen Böden sowie Sand- und Kiesböden mit geringem Wasserhaltevermögen die Bäume in niederschlagsfreien Perioden schneller unter Wassermangel leiden. Bei lang anhaltender Hitze und Dürre trocknen jedoch auch tiefgründige Böden aus. „Klima- und standortgerechte Baumartenwahl und Waldbehandlung unter sich schnell ändernden Bedingungen werden eine der Kernherausforderungen der Zukunft sein“, schlussfolgert Wellbrock deshalb für die Zukunft des Forstens. Angesichts der Klimakrise kann man ihr nur zustimmen.

Waldsterbensdebatte der 80er Jahre Selbstverständigungsdiskurs der westdeutschen Gesellschaft

Vielleicht sagt der Zustand der Wälder aber auch etwas über unsere Gesellschaft aus. So hat ein Projekt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit dem Titel „Und ewig sterben die Wälder. Das deutsche Waldsterben im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik“ in den Jahren 2006 bis 2010 die Funktionsweise von Politikberatung und modernem Umweltschutz untersucht. Bis ins Jahr 1890 ging man zurück und betrachtete, wie aus einem vor allem wirtschaftlich betrachteten Problem unmittelbar Betroffener allmählich ein Umweltproblem mit gesellschaftlicher Relevanz wurde.

Grund für diesen Interpretationswandel waren sich verändernde Deutungs- und Argumentationsmuster, mit denen Akteure den Wald sahen und beschrieben. Forstwissenschaftliche Wissensbestände, Begriffsmuster und Denkfiguren, die die Waldsterbensdebatte der 1980er Jahre prägten, konnten oft bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden, etwa das Bild des „sterbenden Waldes“.

Interessant ist, wie stark im Projekt erkannte Vorgänge denen unserer gerade erlebten Corona-Pandemie ähneln. So zeige die Waldsterbens-Debatte den engen wechselseitigen Zusammenhang von wissenschaftlicher und öffentlicher Problematisierung, heißt es. Vor allem zu Beginn spielten demnach Forstwissenschaftler eine herausragende Rolle in Öffentlichkeit und Politik, was mit einer Emotionalisierung und Politisierung der Wissenschaft einherging.

Im Verlauf der Debatte hätten sich Wissenschaft und Öffentlichkeit jedoch zunehmend voneinander entfernt. „Das kann als ein Grund dafür betrachtet werden, dass es eine wirksame Entwarnung der Öffentlichkeit nie gegeben hat, während Wissenschaftler die Waldschäden ab Mitte der 1980er Jahre nüchtern betrachteten und weniger katastrophal einschätzten“, so das Ergebnis. Es spreche viel dafür, die Waldsterbensdebatte der 80er Jahre als Selbstverständigungsdiskurs der westdeutschen Gesellschaft als moderne Industriegesellschaft und als Nation verstehen.

„Die Fichte ist der große Verlierer dieser Klimakrise“, bilanziert Friedhart Knolle, Geologe und Pressesprecher des Nationalparks Harz. Sie leide stark unter der Klimaerwärmung, der Dürre, fehlendem Wasser und dem Fichtenborkenkäfer. Aber der Käfer gehöre zum Wald wie die Ameise, stellt er richtig fest: „Auch die Massenvermehrung ist für natürliche Bergfichtenwälder, wie sie im Harz ab 800 Meter vorkommen, unter normalen Umständen kein großes Problem.“

Foto: analogicus auf Pixabay

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