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Warum ist der Regenwurm ein Ökosystemingenieur?

Wissenschaft erklärt im Interview mit Nico Eisenhauer, Regenwurm-Experte und Professor für Experimentelle Interaktionsökologie an der Universität Leipzig und Leiter der Forschungsgruppe Experimentelle Interaktionsökologie am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig.

Eisenhauer hat von 2000 bis 2005 an der TU Darmstadt Tierökologie studiert. Im Anschluss promovierte er an der TU Darmstadt zum Thema „Earthworms in a plant diversity gradient: Direct and indirect effects on plant competition and establishment“. Im Interview zum Tag des Regenwurms am 15. Februar erläutert der Experte die besondere Rolle der Tiere als „Ökosystemingenieure“.

Herr Eisenhauer, zusammen mit anderen Forschenden rufen Sie dazu auf, die Bedeutung der Artenvielfalt im Boden über die Agrarproduktion hinaus in internationalen Biodiversitätsstrategien zu berücksichtigen. Ist der Regenwurm etwa auch in seiner Vielfalt bedroht? Hat auch der Klimawandel Auswirkungen auf ihn?

Auf jeden Fall. Der Regenwurm ist mindestens genauso stark bedroht wie andere Tiere und Pflanzen. Vor allem intensive Landnutzung, Bodenerosion, Bodenversiegelung, Klimaextreme und Verschmutzung machen ihm zu schaffen. Dabei sollte man bedenken, dass es nicht „den Regenwurm“ gibt, sondern eine große Vielfalt an Arten und Lebensformen. Alleine in Deutschland gibt es etwa fünfzig Regenwurmarten, die unterschiedliche Ansprüche an ihre Umweltbedingungen haben. Wenn wir diese Bedingungen verändern, hat das oft auch negative Folgen für Regenwürmer. Die Tiere eignen sich auch sehr gut als sogenannte „Bioindikatoren“, das heißt, sie zeigen an, wie gut es einem Ökosystem geht. Und da der Regenwurm über die Haut atmet, ist er der Umwelt direkt ausgesetzt.

Kann uns der Regenwurm helfen, das Klima zu retten?

Bestimmt, aber der Regenwurm ist dabei natürlich nicht allein. Es ist das komplexe Wechselspiel zwischen Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen, das Auswirkungen auf das Klima hat. Regenwürmer spielen allerdings häufig eine besondere Rolle, weil sie als sogenannte „Ökosystemingenieure“ die Umwelt für andere Organismen im Boden und Pflanzen formen. Durch das Vergraben und die Zerkleinerung von Pflanzenmaterial tragen Regenwürmer bedeutend zur Kohlenstoffspeicherung im Boden bei. Ein gesunder, artenreicher Boden kann dann mehr Kohlenstoff im Boden binden, der nicht in der Atmosphäre herum schwirrt und unser Klima aufheizt.

Der Regenwurm erscheint mir als ausgeforscht, soviel ist über ihn und seine Leistung bekannt. Oder gibt es noch Dinge, die wir über ihn nicht wissen?

Hier muss ich natürlich widersprechen. Es gibt sogar so viele wichtige Forschungsfelder, dass ich hier nur ein paar Beispiele geben kann. So sind zum Beispiel bisher nur etwa 25 Prozent aller geschätzten Regenwurmarten auf der Welt beschrieben, das heißt, wir kennen die meisten Regenwurmarten noch gar nicht. Außerdem wissen wir bisher nur sehr wenig darüber, was genau passiert, wenn Regenwürmer in ein Ökosystem neu dazu kommen, als so genannte biologische Invasion, oder auch verloren gehen.

Darüber hinaus wird es immer offensichtlicher, dass Umweltveränderungen nicht alleine in Isolation ablaufen, sondern dass sich viele Dinge parallel verändern, die wir auch gemeinsam erforschen müssen. So kann es zum Beispiel sein, dass Regenwürmer unter Klimaextremen um so mehr leiden, je intensiver das entsprechende Ökosystem bewirtschaftet wird. Wir sprechen hier von synergistischen Effekten, die wir bisher nur sehr unzureichend verstehen. Weiterhin müssen wir intensiver erforschen, wie wir gezielt Biodiversität im Boden fördern können, um unsere Ökosysteme widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel zu machen. Es gibt also viel zu tun, und dafür brauchen übrigens wir mehr Bodenökologen!

Foto: Christian Hüller – iDiv

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