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Weltklimagipfel: Keine Kultur ist dauerhaft krisensicher

Seit vergangenem Sonntag ist im schottischen Glasgow eine Dauerkrise zu beobachten. Ein Weltklimagipfel, der sich angesichts sichtbarerer und mahnender Auswüchse einer weltweiten Klimakrise in diesem Jahr als handlungsunfähig erweist. Was nun?

Es gibt immer wieder diese Umfragen, wonach eigentlich fast alle Menschen endlich etwas gegen den Klimawandel tun wollen. Zum Beispiel das Europabarometer 2019. Danach war für 93 Prozent der EU-Bürgerinnen und -Bürger der Klimawandel ein ernstes Problem, für 79 Prozent ein sehr ernstes. 92 Prozent der Befragten hielten es für wichtig, dass ihre Regierung ehrgeizige Ziele für die Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien festlegt und 89 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass ihre Regierung Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz bis 2030 unterstützen sollte.

Oder eine Umfrage der Europäischen Investitionsbank, was die Menschen in 2020 gegen den Klimawandel tun wollten. 64 Prozent der Europäer waren demnach bereit, aus Umweltgründen statt des Autos öfters Bus und Bahn zu nutzen. In puncto Flugreisen gaben 36 Prozent der Befragten in Europa an, aus Klimagründen schon weniger in den Urlaub zu fliegen, und 75 Prozent wollten das 2020 tun.

Es ließen sich bestimmt noch viele weitere solcher Umfragen finden, wonach die Menschen dieser Welt am liebsten sofort das Klima retten wollen. Wer dann aber mal auf aktuelle Statistiken schaut, glaubt es ihnen am Ende nicht. CO2-Ausstoß und -Gehalt in der Atmosphäre steigen weiter. Das Mobilitätsverhalten hat nach einem kurzen Innehalten während der Pandemie den alten Stand erreicht. Geflogen wird wieder, was das Zeug hält, auch Kurzstrecken zwischen Köln und Berlin.

Weltklimagipfel: Kohlendioxid weltweit bepreisen als Lösung?

Als wäre es die Lösung, mahnt Noch-Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede zum Auftakt des Klimagipfels in Glasgow an, CO2 weltweit zu bepreisen.

„Mit einer solchen Bepreisung, die wir in der Europäischen Union schon haben, die in China eingeführt wird und die mit vielen anderen zusammen weltweit entwickelt werden muss, können wir unsere Industrie, unsere Wirtschaft dazu bringen, die technologisch besten und effizientesten Wege zu finden, um zur Klimaneutralität zu kommen“, sagte Merkel.

Da ist er wieder! Der Ruf nach Innovationen. Dann müssen wir die Menschen nicht stören, wenn sie weiter so leben wollen wie bisher. So können sie die Rettung der Welt der Politik und den Innovationen überlassen.

Wie lange geht das eigentlich gut, uns Menschen die simple Erkenntnis vorzuenthalten, dass unser zivilisiertes, hochmodernes und lustvolles Leben die Klimakrise ausgelöst hat und weiter befeuern wird?

Mit Innovationswillen Krisen erfolgreich überwinden?

Oder können Innovationen doch etwas ausrichten? Mit den richtigen Strategien und einer guten Portion Innovationswillen können Krisen erfolgreich überwunden werden, behauptet Bild der Wissenschaft. Angeführt wird das Beispiel der nur 4,7 Quadratkilometer großen Pazifikinsel Tikopia. Seit knapp 3000 Jahren hätten sie dort dank Geburtenkontrolle, guter Nahrungsmittelversorgung, effizienter Landwirtschaft und geregeltem Fischfang alles im Griff. Im Jahr 1600 habe man sogar alle Schweine getötet, weil die mehr verbrauchten, als ihr Fleisch später wert war.

Andere Beispiele laut der Zeitschrift: In Neuguinea reagierten die Menschen der drohenden Abholzung ihrer Wälder mit dem Anbau anderer, schneller wachsender Baumarten, und in Japan waren es die Einführung einer fortschrittlichen Fortwirtschaft und ein radikales politisches Umdenken, die die Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert vor dem drohenden Kollaps retteten.

Wer weiß, vielleicht wollte ein Forscherteam aus den USA dieses Beispiel entkräften und andere mögliche Verläufe aufzeigen. So haben der Mathematiker Safa Mothesarrei, der Politikwissenschaftler Jorge Rivas und die Biologin Eugenia Kalney ein Modell entwickelt, dass für viele Kulturen nichts Gutes errechnet. In ihren Szenarien beutet der Mensch die Ökosysteme unweigerlich aus. Ohne Gegenmaßnahmen bedeutet dies laut der Studie des Teams früher oder später das Ende.

Möglichkeit eines Zusammenbruchs unserer Kultur bleibt umstritten

Schon der Philosoph Oswald Sprengler hatte sich 1918 gegen eine lineare Geschichtsschreibung gewendet, in der die Geschichte der Menschheit eine fortlaufende Erfolgs- und Wohlstandsgeschichte ist. Er bot eine Zyklentheorie an, nach der Kulturen immer wieder neu entstehen, eine Blütezeit erleben und schließlich untergehen. Und 1972 schrieben Forscher aus St. Gallen Ähnliches in ihrem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, der im Auftrag des Club of Rome entstand.

Mothesarrei, Rivas und Kalney räumen ein, dass die Möglichkeit eines Zusammenbruchs unserer Kultur umstritten bleibt. Aber sie erinnern daran, dass es in der Geschichte häufig zu Zusammenbrüchen kam, denen oft Jahrhunderte des wirtschaftlichen, intellektuellen und Bevölkerungsrückgangs folgten. Viele verschiedene natürliche und soziale Phänomene wurden herangezogen, um dies zu erklären, aber eine allgemeine Erklärung bleibe schwer fassbar.

Deshalb haben die Forschenden ein Modell der menschlichen Populationsdynamik entwickelt, in dem sie angesammelten Reichtum und wirtschaftliche Ungleichheit zu einem Räuber-Beute-Modell von Mensch und Natur zusammenfügen. Demnach sind fünf Entwicklungen für den Kollaps einer Gesellschaft verantwortlich: Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Wasserversorgung, Landwirtschaftsentwicklung und Energieverbrauch.

Sobald zwei Entwicklungen einsetzen, die diese Faktoren maßgeblich beeinflussen, sei der Untergang nicht mehr aufzuhalten, so die Meinung des Teams. „Der Niedergang des römischen Reiches und die einst ähnlich weit entwickelten Dynastien von Han, Maurya und Gupta sowie die mesopotamischen Hochkulturen sind Beispiele für die Tatsache, dass hoch entwickelte, fortschrittliche, komplexe und kreative Zivilisationen sowohl zerbrechlich als auch nicht von Dauer sind“, schreiben sie in ihrer Studie.

Und welche Rolle spielen Innovationen dabei? Technologischer Fortschritt kann die Effizienz in der Ressourcennutzung steigern, meint das Forschendenteam. Doch steige dann ebenfalls die Nutzung der Ressourcen durch solche Menschen, die Kapital besitzen. Das erhöhe aber wieder den Verbrauch von Ressourcen durch eben diese Elite. Die Politik müsse deshalb regulierend tätig werden, fordern sie. Einziger Haken: Politikmachende wären oft als letzte von den Folgen der Krise betroffen und würden es deshalb versäumen, rechtzeitig umzusteuern.

Foto: fernando galan auf Pixabay

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