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Fischereikrise: Schlechte Aussichten für Ostseefische?

Früher war das Fischessen am Freitag für viele Tradition. Vor allem Hering, Fisch des Jahres 2021, kam auf den Tisch. Heute haben wir eine handfeste Fischereikrise. Zumindest in der Ostsee.

Zugespitzt hat sich die Lage seit der letzten Tagung des Agrar- und Fischereirats der Europäischen Union in Luxemburg am 10. und 11. Oktober. Wichtige Entscheidungen für die Fischerei in der Ostsee, vor allem in der westlichen, standen dort an. Wegen der verschlechterten Bestände beim westlichen Dorsch und Hering sah ein Vorschlag der EU-Kommission vor, die Fischerei für diese beiden Fischarten 2022 zu beenden.

Massiv überfischter Dorschbestand

„Das ist für unsere deutsche Ostseefischerei zweifellos eine extreme Belastung“, sagte Noch-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner vorab. Auch wenn die Lage beim westlichen Dorsch und auch Lachs äußerst kritisch sei, setze sich Deutschland dafür ein, dass für Dorsch hinreichende Beifangmengen für die Fischerei auf Plattfische vorgesehen werden. „Der Plattfischbestand hat sich positiv entwickelt und würde eine höhere Fangmenge erlauben“, argumentierte Klöckner.

„In allen Fischereien, selbst auf gesunde Bestände wie Sprotte und Scholle, würden Hering und Dorsch aus bedrohten Beständen mitgefangen“, hält der WWF Deutschland dagegen. Die Entscheidung zur Fischerei von Plattfischen wie die Scholle in der westlichen Ostsee könne dem massiv überfischten Dorschbestand in diesen Gewässern den Rest geben, so die Umweltschützer. Der Fang einzelner Fischbestände beeinflusse auch immer andere, sei es durch Beifang, oder weil bestimmte Arten dann als Räuber oder Beute fehlten.

Für den westlichen Hering versuchte Ministerin Klöckner, schon vor der Tagung die skandinavischen Staaten mit in die Haftung zu nehmen. Auch im nördlichen Skagerrak und Kattegat müssten entschlossene Maßnahmen zum Schutz des Bestandes ergriffen werden. Beschlüsse zum Heringsfang in diesem Gebiet stünden aber erst im Dezember auf der Tagesordnung des Rates. „Es kann nicht sein, dass unsere Ostseefischer erneut drastische Einschnitte hinnehmen müssen, aber der Bestand weiter nördlich abgefischt wird“, stellte ihre Staatssekretärin Beate Kasch dann im Anschluss an die Sitzung fest. Den Quotenbeschlüssen hatte sie nicht zugestimmt.

Fischereikrise in der deutschen Ostsee

Was steckt hinter der Krise? Dass mit dem Fischbestand in der Ostsee etwas nicht stimmt, ist unumstritten. Allen Beteiligten ist klar, dass es eine Überfischung gibt. „Die Fischerei in der deutschen Ostsee steht vor dem Aus“, warnt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. „Die Fischbestände sind in einem katastrophalen Zustand“, stellt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland fest.

Inzwischen befinden sich nach Angaben der Umweltschützer sechs von zehn Fischarten außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Das bedeutet, dass die Bestände nicht mehr groß genug sind, um sich selbst reproduzieren zu können. „Ihr Überleben ist somit in Gefahr, eine Folge der jahrelangen Überfischung und des Klimawandels“, so die Umweltlobby.

Jedes Jahr im Oktober entscheidet deshalb der EU-Agrar- und Fischereirat über die Fangquoten der Fischbestände in der Ostsee im kommenden Jahr. „Beim Hering der westlichen Ostsee ist die Kommunikation des Rates unsauber“, kommentierte das Johann Heinrich von Thünen-Institut – das Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei – diesmal das Ergebnis.

Schlimmer aber sei, dass der Hering, anders als Westdorsch, in zwei verschiedenen Bewirtschaftungsgebieten gefangen wird: Im Gebiet der westlichen Ostsee hat Deutschland 52 Prozent Fanganteile. In Kattegat und Skagerrak liegt der deutsche Anteil nur bei zwei Prozent. In der westlichen Ostsee wurden die Fangmengen, der wissenschaftlichen Empfehlung folgend, ständig weiter reduziert, berichtet das Thünen-Institut. Von 2017 bis 2021 allein um 94 Prozent. Nun noch einmal um weitere 50 Prozent für 2022.

EU fehlt politischer Wille zur Gemeinsamen Fischereipolitik

Im zweiten, skandinavischen Managementgebiet sind die Fangmengen aber hoch geblieben, so das Thünen-Institut, das feststellt: „Der relative Anteil der deutschen Fischerei an den Fängen aus diesem Bestand ist also über die Jahre immer kleiner geworden, der der Skandinavier umso größer.“ Es sei wahrscheinlich, dass sich dieser Trend fortsetze, wenn die Fangmengen für Kattegat und Skagerrak im Dezember festgesetzt werden. Denn für eine faire Verteilung müssten die Fangmengen im Norden nun um mindestens 93 Prozent gesenkt werden.

Tut sich da neben dem Fischerei-Streit in der Nordsee zwischen Brexit-Großbritannien und Frankreich ein weiterer Konflikt im Osten auf? „Aktuell mangelt es in der Europäischen Union vor allem am politischen Willen und klaren Verfahren, um die Gemeinsame Fischereipolitik umzusetzen“, meint Umwelthilfe-Chef Sascha Müller-Kraenner. Die zielt vor allem auf den Erhalt der Fischbestände ab.

Die dafür im Jahr 2014 beschlossene neue Grundverordnung bedeutete einen radikalen Kurswechsel in der europäischen Fischereipolitik. Nachhaltigkeit wurde das wichtigste Prinzip mit strengen Maßnahmen für den Wiederaufbau der Fischbestände und einem modernen Fischereimanagement. Auch Rückwurfe von Fehlfängen waren fortan verboten.

Trotzdem wird der Fisch des Jahres, der Hering, nach dem aktuellen Beschluss keine Chance auf Erholung haben, denn der Gesamtfang, also die Summe der Fänge aus beiden Gebieten, sei immer noch dreimal höher als angemessen, bilanziert das Thünen-Institut: „Den deutschen Küstenfischern wird die Lebensgrundlage entzogen. Der aktuelle Beschluss hat also für Deutschland nur Nachteile, für Dänemark, Schweden und Norwegen hingegen vor allem Vorteile.“ Das Institut im Geschäftsbereich des Landwirtschaftsministeriums nimmt kein Blatt vor den Mund: „Leidtragende dieser Entscheidungen wären dann wie in den vergangenen Jahren die deutschen Küstenfischer und der Heringsbestand der westlichen Ostsee.“

Fangquoten widersprechen wissenschaftlichen Empfehlungen

Passend dazu forderte Staatssekretärin Beate Kasch in Luxemburg, dass die Überfischung des westlichen Herings gestoppt werden müsse. „Wir können nicht hinnehmen, dass auch in diesem Jahr unterschiedliche Maßstäbe an die Befischung des Herings der beiden Management-Gebiete westliche Ostsee und Kattegat/Skagerrak angelegt werden.“ Das habe schon zu einer dramatischen einseitigen Überfischung geführt: „Hier steht die Zukunft unserer Fischerei und des Bestandes auf dem Spiel.“

Abseits des politischen Gerangels bleibt es dann wohl Aufgabe der Umweltschützer, die 2014 eigentlich vereinbarte Nachhaltigkeit einzufordern. „Erneut widersprechen vier von zehn Fangquoten für 2022 den wissenschaftlichen Empfehlungen“, kommentiert die Deutsche Umwelthilfe den jüngsten Ratsbeschluss.

„Wir hätten den Zusammenbruch der Fischpopulationen und die verheerenden Auswirkungen auf die Fischerinnen und Fischer bereits vor Jahren verhindern können, wenn die EU-Fischereiministerinnen und -minister auf die Wissenschaft gehört hätten“, klagt Rebecca Hubbard, Direktorin der Our Fish-Initiative.

Die Initiative fordert, dass die EU-Mitgliedstaaten ihr Versprechen für eine nachhaltige europäische Fischerei einhalten, indem sie die von ihnen unterzeichneten Gesetze ordnungsgemäß und vollständig umsetzen. Danach sollen die jährlichen Ratstreffen ökologisch vertretbare Fanggrenzen auf Grundlage neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse festlegen. Quotenzuteilungen auf nationaler Ebene müssten diejenigen Fischereien begünstigen, die nur minimale Auswirkungen auf die Meeresumwelt haben und die sich an die geltenden Gesetze halten.

Auch will die Initiative wirksame Kontrollsysteme und die Durchsetzung beschlossener Gesetze auf See. Dazu gehöre auch eine elektronische Fernüberwachung für Flottensegmente mit höherem Risiko, gegen das Rückwurfverbot zu verstoßen. Außerdem wird eine bessere Fangdatenqualität und Transparenz für gleiche Wettbewerbsbedingungen gefordert.

Vierjähriger Fangstopp für Hering in en 70er-Jahren

Die Maßnahmen machen Sinn, denn ein Fischbestand kann schnell mal einbrechen. Beispielhaft ist der Hering in der Nordsee. Mitte der siebziger Jahre existierten von ursprünglich drei Millionen Tonnen geschätzten Heringsbeständen durch Überfischung nur noch 50000 Tonnen. Ein vierjähriger Fangstopp half. In den 90-er Jahren drohte dann nochmal Gefahr durch hohe Beifänge in der Industrie-Fischerei. Aber dank internationaler vereinbarter nachhaltiger Bewirtschaftung hat er sich seitdem gut erholt.

An der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gibt es heute nur noch rund 400 Berufsfischer. Anfang der 90er-Jahre waren es noch 1300 gewesen, wie es beim Deutschen Fischerei-Verband heißt. Nach den jüngsten Beschlüssen zu den Fangquoten hat man ihnen Abwrackprämien angeboten, die wir aus der Autoindustrie kennen. Medienberichten nach werden die aber nicht beantragt, weil nicht lukrativ.

Aber nicht nur auf Berufsfischer kommen Einschränkungen zu. Auch für Hobby-Angler haben die EU-Politiker Einschränkungen beschlossen. Sie dürfen außerhalb der Schonzeit pro Tag und Person nur noch einen Dorsch und einen Lachs fangen. Mancher fordert sogar für die Freizeitfischer einen Stopp des Angelns. Es sei kaum zu kontrollieren, ob sich alle an die Grenzen halten.

Foto: BlackTobi auf Pixabay

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