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Ist die Mooshummel etwa systemrelevant?

Die Geschichte hört sich ein wenig an wie James Bond, doch das Drehbuch ist echt. Bienenforscher haben jetzt einer seltenen Mooshummel einen Peilsender aufgesetzt, um ihr Nest auszuspionieren. In einer Zeit, in der sich viele Menschen die Frage stellen, was zu tun ist, um zu überleben, stellt sich die Frage nach dem Motiv.

„Wie weit wir für den Artenschutz gehen, ist eine moralisch-ethische Diskussion“, zeigt sich Nicole Feige vom Naturschutzbund Niedersachen (Nabu) überzeugt. Sie leitet dort das Projekt „Hummelschutz in Niedersachsen“. Für Feige hat jede Art einen Wert an sich. Und die Mooshummel sei nicht nur besonders schön, sie stehe zudem auch für den vom Menschen bedrohten Lebensraum der Moore, Feucht- und Sumpfgebiete.

In solchen Lebensräumen im Flachland oder in der Nähe von Seen und Meeresküsten fühlt sich die Mooshummel wohl. Allerdings kommt sie auch dort nur noch selten vor, weshalb die Hummelart mittlerweile auf der Roten Liste gefährdeter Arten Deutschlands als stark gefährdet eingestuft wird. Von den 41 Hummelarten hierzulande stehen 13 mindestens als gefährdet auf der Liste.

Das Hummelvolk lebt nur einen Sommer lang

In Fachkreisen ist der Rückgang einiger Hummelarten schon seit Jahrzehnten bekannt. Insgesamt hat in den vergangenen dreißig Jahren die Gesamtmasse aller Fluginsekten um mehr als 75 Prozent abgenommen. Dieses Insektensterben bedeutet aber nicht nur einen hohen Verlust für die Artenvielfalt. Es gefährdet auch die Nahrungsmittelproduktion, denn Pflanzenblüten brauchen für ihre Bestäubung Bienen und Hummeln – sie sind also sozusagen systemrelevant.

Hummeln bilden Staaten aus fünfzig bis 600 Individuen. Ähnlich wie bei den Wildbienen besteht auch ein Hummelvolk aus Arbeiterinnen, Drohnen und einer Königin. Sie leben aber nur einen Sommer lang und sterben im Herbst. Nur die befruchteten Königinnen überwintern, können im Frühjahr mit dem Nestbau und dem Aufbau eines neuen Volkes beginnen. Die Nester reichen bis zu drei Meter tief als lange Röhren in die Erde, oft in Nagetierbauten oder unter Baumwurzeln. Doch es gibt auch Arten, die sich in Komposthaufen, Dachböden, Meisenkästen oder Dornengestrüpp einnisten.

Mooshummel in frühere Verbreitungsgebieten ansiedeln

Die Mooshummel platziert ihre Nester unterdessen in Grasbüschel oder unter Moos. Auch in Niedersachsen gehört sie heute zu den selten gewordenen Arten. Im Binnenland ist die Mooshummel gar nicht mehr vertreten. Deshalb verfolgt der Nabu in seinem Schutzprojekt für seltene Hummelarten zusammen mit dem Wildbienenexperten Rolf Witt das Ziel, Mooshummeln von Fundorten an der Meeresküste aus wieder in ihren früheren Verbreitungsgebieten anzusiedeln.

„Die erste Herausforderung dabei ist es, überhaupt ein Nest zu finden“, berichtet der Biologe Witt. Auch gebe es bisher noch keine Erfahrungen zur Umsiedelung der Hummelart. Weltweit ist bisher nur ein Projekt in England bekannt. Geplant ist daher ein vorsichtiges Herantasten an die beste Methode.

Dabei unterstützt das Institut für Bienenschutz am Julius Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig. Die Forschenden des Instituts testen für den Nabu die Möglichkeit, Hummeln mit Hilfe von Sendern zu ihren Nestern zu verfolgen. Ein Team um den JKI-Forscher Henri Greil untersuchte dafür den Einsatz des aktuell kleinsten auf dem Markt befindlichen Senders. Dieser wiegt nur 0,15 Gramm und lässt sich an Tiere ankleben.

Mini-Radiosender für Mooshummel zu schwer

Wildtier-Telemetrie nennt sich diese Methode, um freilebende Tiere mittels kleiner Hochfrequenzsender zu verfolgen. Mit der fortschreitenden Miniaturisierung der Sender hat sich die Radiotelemetrie zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel in vielen Bereichen der zoologischen Feldforschung entwickelt.

Ob jedoch die Kraft der Mooshummelköniginnen für das Gewicht des Senders ausreicht, konnte Henri Greil vom JKI nur vermuten. Deshalb starteten die Bienenforscher nach einer erfolgreichen Testreihe an relativ robusten dunklen Erdhummeln einen ersten Versuch mit Sand- und Mooshummeln im Grünland der Wesermarsch.

Doch es stellte sich heraus, dass die Sender für die im Vergleich zu den Erdhummeln kleineren Arbeiterinnen der anderen beiden Arten vermutlich zu schwer waren. Auch ein zweiter Versuch mit größeren Mooshummel-Königinnen der misslang. Sie flogen entweder gar nicht erst ab oder gingen nach wenigen Metern wieder zu Boden.

Mit Hummeln jeden Menschen erreichen

Für Nicole Feige vom Nabu sind die Experimente trotzdem lohnenswert, denn die Suche nach Nestern der Mooshummel hat sich bisher als sehr aufwändig erwiesen. Auch in den nächsten Wochen unterstützen dabei wieder viele engagierte Ehrenamtliche, die weiter Ausschau halten. „Gemeinsam werden sie umherstreifende Mooshummelarbeiterinnen per Sicht verfolgen und hoffentlich die Nester auf diese Weise ausfindig machen“, berichtet Projektleiterin Feige.

Biologe Rolf Witt nennt ein einfaches Motiv, warum er sich für den Erhalt der Mooshummel einsetzt. „Hummeln kennt jeder Mensch, sie sind positiv belegt und deshalb kann ich mit dem Thema jeden erreichen“, erklärt er. Und da jede gefährdete Art immer auch stellvertretend für einen bedrohten Lebensraum steht, könne er mit den Hummeln gut die Auswirkungen intensiven Ackerbaus erklären. „Ihre beste Zeit hatten die Hummeln im 18. und 19. Jahrhundert, als die Landwirtschaft noch extensiv war.“

Foto: Henri Greil/JKI

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