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Schutzgebiete für Biodiversität schützen und Platz sparen

Die Vielfalt des Lebens auf der Erde ist bedroht, die Biodiversität nimmt rapide ab. Bis zu eine Million Arten sind gefährdet. Viele könnten in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Schutzgebiete sind daher dringend notwendig, sie werden jedoch oft strategisch falsch gewählt.

Doch wie lässt sich die biologische Vielfalt einer Region sinnvoll beziffern? Mit einem neuen Ansatz hat ein Forschungsteam aus Bogotá gemeinsam mit der Umweltwissenschaftlerin Kerstin Jantke von der Universität Hamburg jetzt die wertvollsten Flächen in den amerikanischen Tropen identifiziert.

In Mittel- und Südamerika sind zurzeit besonders viele artenreiche Gebiete gefährdet. Tropischer Regenwald wird gerodet und die Fläche für Viehzucht und Sojaanbau genutzt. Um diesen Verlust zu kompensieren, müssen andere Flächen unter Schutz gestellt werden. Die Vereinten Nationen planen, bis 2030 weltweit 30 Prozent der Landfläche zu schützen. Zurzeit gilt noch die 17-Prozent-Marke.

Kerstin Jantke arbeitet am Exzellenzcluster für Klimaforschung CLICCS der Universität Hamburg daran, die Schutzflächen so zu bestimmen, dass sie möglichst viele Arten und Ökosysteme schützen – und gleichzeitig wenig mit landwirtschaftlichen Flächen konkurrieren. Dies ist für die Biodiversität entscheidend und steigert gleichzeitig die Akzeptanz der Maßnahmen. Geeignete Schutzgebiete erhöhen zudem die Fähigkeit der Ökosysteme, sich an den Klimawandel anzupassen.

Ein Team der Päpstlichen Universität Javeriana und des Alexander von Humboldt-Institutes in Bogotá in Kolumbien unter Leitung von Jaime Burbano-Girón hat zusammen mit Jantke die Indikatoren für die biologische Vielfalt jetzt neu aufgestellt. Für die Tropen Mittel- und Südamerikas liegen Verbreitungskarten von bedrohten Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Reptilien vor, insgesamt 8563 Arten. Bislang wurde deren geografische Verbreitung häufig als Kennzahl verwendet: Wo sich viele Arten aufhalten, ist die biologische Vielfalt qualitativ hoch.

Doch die Zahl der Arten allein bestimmt nicht die biologische Bedeutung der Region. „Biodiversität ist sehr komplex, betrachte ich nur die Arten, dann sehe ich nicht, welche Funktion sie im Ökosystem erfüllen, sind sie Räuber oder Beute? Was fressen sie, wo leben sie, wie groß ist ihre Biomasse?“ so Jantke. Deshalb hat das Team im Untersuchungsgebiet erstmals auch die geografische Lage der unterschiedlichen Ökosysteme, davon gibt es 663, und die der 5382 ökologischen Gruppen per Computermodell analysiert und mit der Artenverbreitung verglichen.

Ein Ergebnis sind drei geografische Karten. Sie zeigen an, welche Flächen optimal sind, wenn jeweils 17 Prozent von jeder Art, 17 Prozent von jedem Ökosystem oder 17 Prozent von jeder funktionellen Gruppe geschützt werden sollen. Fazit: Diese Flächen stimmen nicht überein. Die Artenverbreitung allein beschreibt die Biodiversität also nicht ausreichend. Sie deckt laut Studie nur 50 bis 62 Prozent der drei untersuchten Bereiche von Biodiversität ab.

Hinzu kommt, dass Naturschutzflächen oft nicht systematisch ausgewählt und dadurch die falschen Flächen geschützt werden. In Brasilien stehen zum Beispiel bereits 30 Prozent der Landfläche offiziell unter Schutz. Es sind aber trotzdem weniger als 17 Prozent von jeder Art, von jedem Ökosystem und von jeder ökologischen Gruppe geschützt. „Es wird Zeit, dass Schutzflächen strategisch und nachhaltig ausgewählt werden“, sagt Jaime Burbano-Girón: „Sonst werden weiter Zeit, Fläche und Geld verschwendet.“

Das Forschungsteam hat zusätzlich so genannte Hotspots der Biodiversität herausgefiltert, die gleichzeitig eine ganze Reihe von Arten, Ökosystemen und funktionellen Gruppen beherbergen, aber zurzeit noch nicht ausreichend unter Schutz stehen. „Entscheidende Gebiete liegen im Gran Chaco, im Atlantischen Wald, im Pantanal, im Cerrado, in den Caatinga-Regionen sowie in den Feucht- und Trockenwäldern der nördlichen Anden und Mittelamerikas“, sagt Jaime Burbano-Girón: „Das sind wertvolle Flächen für die Vielfalt, die dringend geschützt werden sollten.“

Foto: Pexels auf pixabay

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