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Auch Bücher zeigen einen Schwund der Artenvielfalt

Die biologische Vielfalt nimmt in der westlich geprägten Literatur seit den 1830er Jahren kontinuierlich ab, so das Ergebnis einer Studie, die von Leipziger Forschenden geleitet wurde. Sie deuten dies als Hinweis auf eine zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur. Grundlage sind knapp 16000 untersuchte Bücher, die zwischen 1705 und 1969 erschienen sind.

Laut jüngstem Bericht des Weltbiodiversitätsrats hat der Mensch seit dem Jahr 1500 mindestens 680 Wirbeltierarten ausgerottet. Auch andere Tiere und Pflanzen verschwinden zunehmend von der Erdoberfläche. Ein internationales Team unter der Leitung Leipziger Forscher wollte deshalb herausfinden, ob sich die Biodiversitätskrise der realen Welt auch in der Gedankenwelt des Menschen widerspiegelt. Beteiligt waren die Goethe Universität Frankfurt, das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, das Senckenberg Biodiversität und Klima-Forschungszentrum und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

16000 Bücher aus dem Zeitraum von 1705 bis 1969 untersucht

Das Team untersuchte, wie sich die Verteilung der Biodiversität in der Literatur über die letzten 300 Jahre verändert hat. Sie verwendeten für ihre Arbeit den Literaturbestand des Projects Gutenberg. Mit knapp 60000 Werken ist es die größte digitale, öffentlich nutzbare Sammlung von westlicher Belletristik in ihrer englischen Version.

Aus einem Teilbestand dieser Sammlung wurde die Literatur des Zeitraums 1705 bis 1969 ausgewählt. So blieben 16000 Werke von 4000 Autoren übrig, unter denen sich Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe, Edith Nesbit und Victor Hugo befanden. Die Texte wurden zunächst nach volkstümlichen Bezeichnungen für Lebewesen unterschiedlichster Art durchsucht. So entstand eine Liste von 240000 Wörtern wie Pferd, Maikäfer oder Lavendel. Mit dieser wurden wiederum sämtliche Texte dieser Autoren nach Wortvorkommnissen, -häufigkeiten und -verteilungen überprüft.

Literatur computergestützt nach biologischen Begriffen durchsucht

„Dieses ungewöhnliche Projekt konnte nur durch den Zusammenschluss von Literatur-, Lebenswissenschaftler und Informatiker entstehen“, berichtet Lars Langer von der Universität Leipzig. „Durch die Entwicklung neuer computergestützter Analysemethoden konnten wir die Literatur nach den darin enthaltenen biologischen Begriffen systematisch untersuchen und auswerten.“ Bei ihrer Analyse fiel den Forschenden ein buckelförmiger Trend auf: Die Häufigkeit, Dichte und Ausdrucksvielfalt von Bezeichnungen für Tiere und Pflanzen in der Literatur stieg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an, nahm dann aber kontinuierlich ab.

So ist nach 1835 eine Tendenz zur Verwendung weniger spezifischer Bezeichnungen feststellbar. Das bedeute beispielsweise, dass eher das Wort Baum statt einer konkreteren Bezeichnung wie Eiche benutzt wurde. Auch seien nicht nur regionale Synonyme wie zum Beispiel Krotte für Kröte verschwunden, sondern auch das gemeine Hintergrundwissen für die Herkunft von Begriffen. Lebewesen jedoch, mit denen der Mensch dauerhaft und häufig zu tun hat, seien gleichbleibend oft genannt worden – beispielsweise domestizierte Tiere wie Pferd und Hund oder bedrohliche wie Bär und Löwe.

In Romantik beginnt Bewusstsein für Verlust der Artenvielfalt

Die Forschenden interpretieren den anfänglichen Anstieg der biologischen Vielfalt in der Literatur als Folge von Entdeckungen und Kolonialisierungen großer Teile der Welt durch die europäischen Zivilisationen. Im Zuge dieser Entwicklungen tauchten beispielsweise neue Begriffe wie Papagei, Banane oder Panther auf. Die Verbesserung von Forschung und Bildung im Zeitalter der Aufklärung könne zu einem weiteren Anstieg geführt haben. In der Romantik habe sich vermutlich ein erstes ansteigendes Bewusstsein für den beginnenden Verlust der Artenvielfalt gespiegelt. Mit der Industrialisierung, Urbanisierung und den damit verbundenen Landnutzungsänderungen habe dann nicht nur der reale Biodiversitätsverlust, sondern möglicherweise auch die Verarmung naturbezogener Denkmuster begonnen.

„Die reale Biodiversitätskrise scheint mit einer Gedankenkrise eng verbunden zu sein“, schätzt Christian Wirth von der Universität Leipzig die Ergebnisse der Untersuchung ein: „Wir sehen, dass mit dem Beginn der Industrialisierung beide Krisen parallel verlaufen und gehen davon aus, dass sie sich wechselseitig bedingen und verstärken.“ Er meint, dass man einen Stopp des realen Biodiversitätsverlusts nur durch einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel erreiche.

Foto: Andreas Göllner auf Pixabay

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