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Ist der Schweinemarkt wirklich in der Krise?

Draußen in der Welt wüten nach wie vor zahlreiche Krisen. Afghanistan, Corona, Klima oder Laschet, um nur einige beim Namen zu nennen. Aber unbemerkt außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung hat sich offenbar noch eine ganz spezielle eingeschlichen: eine Krise am deutschen Schweinemarkt. Worum geht es und ist die Einschätzung berechtigt?

Versuchen wir erst mal zu verstehen, was sich da zusammen gebraut hat. Auslöser der Krise sind wohl die Schweine selbst, die ihr gutes Recht einklagen, sich wohlzufühlen. Und weil immer mehr Menschen wollen, dass Nutztiere, bevor sie geschlachtet werden, um auf dem Teller zu landen, zumindest ein vernünftiges Leben hatten, haben sich Partner aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft, Lebensmittelhandel und Gastronomie unter dem Tierwohl-Label zusammengetan. Es gibt Verbraucherinnen und Verbrauchern Auskunft darüber, wie ein Schwein in Deutschland gehalten wurde.

Garantiert langjähriger Weg zu mehr Tierwohl auf deutschen Bauernhöfen

Dafür hat die Initiative Tierwohl, in der alle Beteiligten vertreten sind, ein vierstufiges System entwickelt. Es reicht von der Stufe 1 mit Stallhaltung, die dem gesetzlichen Standard entspricht, über Stufe 2 mit „Stallhaltung plus“, die über die gesetzlichen Standards hinausgeht, und Stufe 3 „Außenklima“, bei der die Tiere Zugang zu Außenbereichen haben, bis hin zu Stufe 4 „Premium“, die zum Beispiel Biofleisch kennzeichnet, das die Anforderungen an die europäische Öko-Verordnung und ihre Richtlinien erfüllt.

Was sich jeder denken kann: Nicht von selbst werden wir jetzt nur noch Schweinefleisch der Stufe 3 und 4 im Kühlregal finden, und nicht alle sind in der Lage, dieses vermutlich teure Fleisch zu kaufen. Den garantiert langjährigen Weg zu mehr Tierwohl auf deutschen Bauernhöfen muss die Politik also pflastern.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat deshalb die so genannte Borchert-Kommission eingerichtet, die ihr früherer Vorgänger Jochen Borchert leitet. Klöckner sieht in der Kommission erstmals einen gesamtheitlichen Ansatz zum Umbau der Tierhaltung: „Um sie in Deutschland zu halten, um Standards mitzubestimmen, um unsere Ställe nachhaltig umzubauen, um unseren Landwirten eine Perspektive zu geben“, sagt sie.

Die Verbraucher müssen mitgenommen werden

Ex-Minister Borchert gibt für eine Nutztierstrategie gleich mehrere Ziel vor: „Ein Mehr an Tierwohl unter Berücksichtigung des Umweltschutzes erreichen, so dass auch die wirtschaftliche Grundlage der Landwirte gesichert ist, ebenso wie eine gute Versorgung der Verbraucher.“ Für ihn könnten die Menschen an der Ladenkasse dann zeigen, was ihnen mehr Tierwohl wert ist.

Lassen wir mal außer acht, dass nicht jeder dafür das notwendige Kleingeld hat. Recht hat Borchert aber, wenn er sagt, dass die Verbraucher mitgenommen werden müssen. „Sie müssen aktiv wählen können. Ohne Tierwohlkennzeichen wird eine Transformation der Nutztierhaltung nicht gelingen.“

Den ersten Test hat diese Strategie aber offenbar in den vergangenen Monaten nicht bestanden. Wie zahlreiche landwirtschaftliche Branchenmedien berichten, blieb das Schweinefleisch liegen, als der Lebensmittelhandel seit Juli Fleisch mit der Tierwohl-Stufe 2 statt 1 in die Kühlregale einsortierte. Und das auch noch in der besonders wichtigen Grillsaison. Krise pur! Hoffnung setzt der Markt nun auf die Urlaubsrückkehrer.

Verluste am Schweinemarkt sollten offenbar die Bauern tragen

Offensichtlich bleibt, dass es keinen Markt für glückliches Fleisch gibt. Das ändert nichts daran, dass sich die Schweinehalter laut Bauernlobby schon auf die höhere Tierwohlstufe eingestellt haben, was sie nachvollziehbar zusätzliches Geld kostet. Auch die Borchert-Kommission hatte in einer Studie bekräftigt, dass den Landwirten der Aufwand für den tierwohlgerechten Umbau der Ställe und die höheren laufenden Kosten ausgeglichen werden müssten.

Und hier liegt wohl die Ursache für den Sturm der Entrüstung inklusive Krisenstimmung. Die Verluste des ausbleibenden Absatzes von Stufe 2-Schweinefleisch seit Anfang Juli wollte der Lebensmittelhandel offenbar an die Bauern durchreichen. „Wegen der fehlenden Nachfrage bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe hielten die Einzelhändler den Schweinehaltern aber das Tierwohlentgelt von 5,28 Euro pro Schwein vor“, berichtet der Branchendienst agrarheute.

Ungeschickt. Rewe und Edeka knickten öffentlich ein, verschickten Pressemitteilungen, in denen sie die Abnahme des Schweinefleisches und finanzielle Unterstützung auch weiterhin zusichern. Damit dürfte im besten Falle die Schweinekrise vom Tisch sein, zumindest die bei den Bauern.

Aber es braucht nicht viel Verstand, um zu ahnen, dass der grundsätzlich gute Gedanke der Tierwohl-Initiative dadurch wahrscheinlich nicht aufgehen wird. Gerade mal 34 Prozent der Mastschweine in Deutschland werden aktuell nach den Vorgaben der Initiative gehalten. Und schon gibt es Absatzprobleme. Hat der gute Ansatz, das Tierwohl zu stärken vielleicht eine Krise?

Immer größere Höfe, die kleinen geben auf

Schauen wir mal auf die deutsche Fleisch-Statistik: Im Mai 2021 wurden hierzulande laut Statistischem Bundesamt knapp 24,7 Millionen Schweine gehalten. Das waren 3,1 Prozent oder 779100 Tiere weniger als im Vorjahr. Mastschweine machten hierbei neben Ferkeln und Jungschweinen 45,5 Prozent oder 11,2 Millionen Tiere aus. Im Vergleich zum Mai 2020 mit 136300 Tieren sind das rund 1,2 Prozent mehr.

Die Zahl der Schweine haltenden Betriebe lag im Mai bei 19800 und ist damit seit dem vergangenen Jahr um 3,3 Prozent oder knapp 700 Betriebe gesunken. 2019 waren es noch 21600 Betriebe. Daraus könnte man bei zunehmender Zahl an Mastschweinen eine Marktkonzentration ableiten. Also immer größere Höfe, die kleinen geben auf.

Was ist die Alternative zur konventionellen Landwirtschaft? Wie das Bundesamt mitteilt, wirtschaften inzwischen immer mehr ökologische Betriebe mit Tierhaltung. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl um 41 Prozent von 12300 auf 17300. Damit war 2020 jeder zehnte der deutschlandweit 168800 Tier haltenden landwirtschaftlichen Betriebe ein Ökobetrieb.

Deutlich häufiger Bio-Fleisch gekauft

Zwar ist auch die Zahl ökologisch gehaltener Schweine zwischen 2010 und 2020 um 36 Prozent von 156300 auf 212500 gestiegen, jedoch liegt ihr Anteil am gesamten Schweinebestand bei mageren ein Prozent. Unter den 17300 Öko-Bauernhöfen mit Tieren gibt es zudem nur 1600 Betriebe mit ökologischer Schweinehaltung.

Zwar stellen immer mehr Landwirte auf Ökolandbau um. Auch wurde nach Angaben des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft in 2020 deutlich häufiger Bio-Fleisch gekauft als im Vorjahr. Aber die wenigen Biohöfe mit glücklichen Schweinen, die im Kühlregal bestimmt die Stufe 3 bis 4 erreichen, können zurzeit nicht das Tierwohl-Dilemma lösen.

Damit richtet sich letztlich der Blick auf die großen Ketten des Lebensmitteleinzelhandels. Sie müssen einen Weg finden, Schweinfleisch aus Deutschland trotz zusätzlicher Tierwohlkosten zu vermarkten. Der Preis dürfte dabei dauerhaft ein Knackpunkt sein, neue Marketing-Strategien erfordern, weil nicht jeder Mensch genug Geld hat, um teures Fleisch zu kaufen.

Die Großen am Markt positionieren sich nach und nach. So will Aldi bis zum Jahr 2030 vollständig auf Frischfleisch von Rind, Schwein, Hähnchen und Pute der Haltungsstufen 3 und 4 umstellen. Auch Rewe hat sich diesem Ziel angeschlossen. Weitere werden folgen. Aber fast zehn Jahre ist eine lange Zeit. Und es wird bestimmt dabei bleiben, dass die Landwirtschaft finanzielle Hilfen braucht, um die Tierwohl-Stufen 3 und 4 zu erreichen.

Fraglich bleibt, ob dabei alle Verbraucher mitziehen. Letztlich bieten sich drei Optionen an: Auf Fleisch verzichten und sich vegetarisch ernähren, billiges Fleisch dort kaufen, wo es noch welches gibt, oder seltener Fleisch essen und dafür bewusst die Haltungsstufen 3 und 4 zu einem höheren Preis einkaufen.

Foto: Andreas Breitling auf Pixabay

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