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Ist über Fachkräftemangel jammern unglaubwürdig?

Die Zahl ist eindrucksvoll. 400000 Zuwanderer brauchen wir pro Jahr, um den Fachkräftemangel in Deutschland in den Griff zu bekommen, erklärte die Bundesagentur für Arbeit kürzlich. Denn 2030 wird die Zahl der 20- bis 64-Jährigen rund elf Prozent niedriger sein als im Jahr 2020. Alarmierend, denn viele der zukünftigen Rentner werden wir nicht mehr durch Nachwuchskräfte ersetzt können.

Was ist denn eigentlich eine Fachkraft? Im Grunde jeder Mensch, sobald eine Ausbildung abgeschlossen wurde, egal ob an der Hochschule oder im Betrieb. Aber die Öffentlichkeit denkt bei dem Wort Fachkraft oft an eine abgeschlossene Ausbildung an einer Hochschule. Also an spezialisierte Ingenieurinnen oder Ingenieure oder auch Ärzte, Informatiker und andere Akademiker mit hohem Bildungsgrad.

Neu ist das Krisenszenario des Fachkräftemangels auch nicht. Schon im Jahr 2000 gab es hierzulande eine Debatte über den Mangel an IT-Spezialisten und die Einführung eines Sofortprogramms mit der „Green Card“ zur Deckung des Bedarfs unter der rot-grünen Bundesregierung von Kanzler Gerhard Schröder (SPD).

Parole „Kinder statt Inder“ 

Mancher erinnert sich noch gut an die Entrüstung über Äußerungen von Jürgen Rüttgers (CDU), der daraufhin die Parole „Kinder statt Inder“ von sich gab. Die Aktion selber blieb hinter den Erwartungen zurück. Schätzungen hatten vorher einen Bedarf von bis zu 75000 Fachkräften in der Branche ausgemacht. 20000 Green Cards wollte die Regierung vergeben, nur gut 13000 wurden es am Ende.

„Der Fachkräftemangel ist die größte Lüge von Wirtschaft und Politik“, wird Roland Günther seit Jahren deshalb auch gern zitiert. Er ist Inhaber einer Personalfirma namens „punktgenau“. Wie er zu der Ansicht kommt, bleibt unklar. Dahinter könnten verschiedene Argumente stehen. So suchen jammernde Unternehmen meist nach Mitarbeitenden, die bestimmte Schlüsselkompetenzen haben, etwa Fremdsprachenkenntnisse, IT-Kompetenzen, Fähigkeit zu Zeit- und Selbstmanagement oder Führungskompetenz.

Andererseits sind oft Fachkompetenzen gefragt, die über solche in der Berufsausbildung oder im Studium vermittelten hinausgehen, etwa Finanz- oder Anlagenbuchhaltung, internationale Buchführung, SAP und DATEV oder das Beherrschen des deutschen Fallpauschalensystems. Und auf der anderen Seite berichten Experten sogar, dass viele Firmen eigentlich Helfende suchen, aber von Fachkräften sprechen.

Fachkräftemangel aus Sicht der Unternehmen zurück an der Spitze

Für Arbeitgeber ist es in jedem Fall sinnvoll, einen Fachkräftemangel zu behaupten und den Staat dazu zu veranlassen, das Angebot an Arbeitskräften bei sinkenden Arbeitslosenzahlen möglichst groß zu machen – dann findet sich auf jeden Fall eine Top-Kraft. Jeder Arbeitnehmende kann sich dagegen freuen, wenn das Angebot kleiner wird, die Löhne dadurch nach oben verhandelbar.

Wie auch immer. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte hat gestern berichtet, dass der Fachkräftemangel, bereits in den Jahren vor der Pandemiekrise das wichtigste Risiko aus Sicht der Unternehmen, zurück ist an der Spitze und für rund zwei Drittel der Unternehmen ein hohes Risiko darstellt. Im Frühjahr waren es demnach noch knapp 40 Prozent. Deloitte hatte dazu im September 158 Finanzvorstände deutscher Unternehmen befragt. Der Fachkräftemangel bremse die Wirtschaft und ziehe sich durch alle Industrien, betreffe aber besonders die Immobilien- und Baubranche, so das Fazit.

Vergessen wollen wir nicht die Pflegebranche. Leere Flure drohen uns in Seniorenheimen und Krankenhäusern. Bis 2030 soll die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland auf 5,1 Millionen Menschen steigen. Wenn der Personalmangel in der Branche bestehen bleibt, fehlen dann 500000 Pflegekräfte in der Altenpflege und in den Kliniken. Heute sind es bereits 200000 Menschen zu wenig.

AfD sieht schädlichen Einfluss wirtschaftlicher Partikularinteressen

Fast alle Parteien wollen deshalb den wie auch immer gearteten Fachkräftemangel durch Ausbildungsinitiativen und qualifizierte Einwanderung in den Griff bekommen. Bis auf – wie zu erwarten – die AfD. In ihrem Bundestagswahlprogramm spricht sie von der in den letzten Jahren erfolgten massiven Abwanderung von deutschen Unternehmen und Fachkräften ins Ausland. Sie sei zu stoppen.

„Die Behauptung einiger Wirtschaftsverbände und Lobbyisten, in Deutschland herrsche Fachkräftemangel und damit ein Bedarf an qualifizierter Einwanderung, dient nur vordergründig dem Gemeinwohl und darf deshalb nicht maßgeblich sein“, heißt es weiter: „Der schädliche Einfluss wirtschaftlicher Partikularinteressen oder gar damit kaschierter antideutscher Ressentiments muss beendet werden.“

Alles klar? Die CDU gibt sich weltoffener. Sie will einen gesteuerten Zuzug gut ausgebildeter und leistungsbereiter Menschen aus den Mitgliedstaaten der EU und aus außereuropäischen Staaten. „Deutschland ist noch zu wenig Zielland für die klugen Köpfe der Welt“, so die Analyse. Im Rahmen eines Pilotprojekts würde die Partei am liebsten „Fachkräfteeinwanderungs-Attachés“ an ausgewählten deutschen Botschaften in Drittstaaten ernennen. Sie sollen intensiv über die qualifizierte Zuwanderung nach Deutschland informieren und zuwanderungswillige Fachkräfte, beispielsweise im IT-Bereich, unterstützen.

Linke fordert anständige Ausbildung, Arbeitsbedingungen und Bezahlung

Radikal gibt sich die Linke: „Es braucht Aufenthalts­ und Arbeitser­laubnisse unabhängig von Beschäftigungsdauer und Arbeitgeber sowie flächendeckende Kontrollen zur Durchsetzung des Mindestlohns von 13 Euro für alle Menschen.“ Die Partei spricht vom „eventuellen Fachkräftemangel“, gegen den es keine gezielte Abwerbung von qualifizierten Menschen im Ausland brauche, sondern anständige Ausbildung, Arbeitsbedingungen und Bezahlung für alle Menschen hierzulande.

Und was würde eine künftige Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen unternehmen? Die SPD ist recht schmallippig in ihrem Programm: „Wir fördern und erkennen die Rolle des Handwerks bei der Ausbildung und Integration junger Menschen aus allen Teilen der Welt an“, heißt es. Die FDP hat sich mehr Gedanken gemacht, sie fordert ein „Zwei-Säulen-System“: Eine überarbeitete „Blue Card“ als Kerninstrument der Fachkräfteeinwanderung mit Arbeitsplatzangebot, die auch für nicht-akademische Fachkräfte geöffnet werden muss.

Außerdem eine Chancenkarte für ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild, um für Fachkräfte die Möglichkeit zu schaffen, auch ohne Arbeitsplatzangebot zur Arbeitssuche nach Deutschland zu kommen. Die Steuerung soll hier über Kriterien wie Bildungsgrad, Deutsch- oder auch gute Englischkenntnisse, Alter, Berufserfahrung und den aktuellen Fachkräftebedarf am Arbeitsmarkt erfolgen. Mittelfristig soll die Chancenkarte aus Sicht der FDP in einem europäischen Talentpool aufgehen, um Europas Attraktivität für qualifizierte Fachkräfte und Studierende zu erhöhen und zu vereinheitlichen.

Geflüchteten und Einwanderinnen Chance auf Ausbildung und Beschäftigung geben

Für gut integrierte Schutzsuchende soll es aus Sicht der Partei die Möglichkeit eines „Spurwechsels“ in eine der beiden Säulen der Einwanderung in den Arbeitsmarkt geben: „Denn wer einer Erwerbstätigkeit nachgeht oder sich in einer Qualifikationsphase, zum Beispiel Ausbildung oder Studium, befindet, sollte nicht ausgewiesen werden.“

Auch die Grünen wollen Geflüchteten die Möglichkeit zum Spurwechsel geben, der ihnen während Ausbildung, Studium und Arbeit mehr Rechtssicherheit und damit eine berufliche Perspektive in Deutschland ermöglichen soll: „Wir unterstützen Betriebe, die Geflüchteten und Einwanderinnen eine Chance auf Ausbildung und Beschäftigung geben, bei Bedarf durch konkrete Ansprechpersonen, Qualifizierung, Beratung und Begleitung.“

Eines steht fest: Auch eine Ampel-Regierung wird das Thema nicht aus der Welt schaffen. „Das Jammern von Arbeitgebern und Regierung über einen Fachkräftemangel ist unglaubwürdig, solange immer noch zu wenig getan wird für die Beschäftigung und Weiterbildung von jungen Menschen, Frauen, Migrantinnen und älteren Beschäftigten“, brachte es der frühere Gewerkschaftschef Michael Sommer mal auf den Punkt.

Foto: James Timothy Peters auf Pixabay

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